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die Diagnose

Nach zwei Tagen im künstlichen Koma wurde ich im Krankenhaus wieder wach. Erst konnte ich nicht richtig sprechen und mir fehlten einige Wochen an Erinnerung. Im Monat vor dem Zusammenbruch war ich in der Türkei im Urlaub. So dachte ich in anfangs, dass ich mich dort befinde. Ich habe mich gewundert, wer mich alles in der Türkei - wo auch alle so gut deutsch sprechen - besucht. Besonders erschreckend war der Gedanke, dass meine Eltern so weit mit dem Auto gefahren sind. Papa fliegt ja nicht und Autobahnen sind eigentlich auch nicht sein DIng. Alle erzählten etwas von einer Party und als die Krankenschwester sich übertrieben freute, weil ich wusste wer ich bin, dachte ich endgültig: ‚Jetzt sind alle verrückt geworden.‘

 

Das Durchgangssyndrom und der Gedächtnisverlust hielten zwei Tage an. Bei der nächsten Visite, ich war wieder einigermaßen die Alte und zu Zeit sowie Ort orientiert, erfolgte die Aufklärung für den Grund meines Krankenhausaufenthaltes. Durch den Chefarzt habe ich erfahren, dass es aufgrund von Kammerflimmern zum Herzstillstand kam. Ich hätte enorm viel Glück gehabt. Nur durch die sofortigen Wiederbelebungsmaßnahmen eines Ehepaares vor Ort konnte ich überleben. Das beherzte Eingreifen dieser beiden Menschen hat es dem Notarzt ermöglicht die weiteren lebensnotwendigen Maßnahmen (mehrmalige Reanimation) erfolgreich einzusetzen. Es war ebenfalls einem glücklichen Umstand zu verdanken, dass ich an einen so erfahren Notarzt geraten bin. Wie mir später mitgeteilt wurde lag meine Überlebenschance (ohne bleibende Schäden davonzutragen) gerade mal bei 2 %.

 

Eingeliefert wurde ich mit einer  Herzleistung von ca. 20 %. Nach einer Woche auf der Intensivstation wurde mir daraufhin ein Defibrillator (ICD) implantiert. Dieser sollte mich vor erneuten lebensgefährlichen Rhythmusstörungen sowie evtl. Herzstillstand schützen. Er wurde unter den Muskel unterhalb des linken Schlüsselbeins gesetzt. Die Elektroden des ICD liegen in der Herzkammer und haben somit direkten Kontakt zum Herzmuskel. Bei auftretenden Unregelmäßigkeiten werden dann Stromstöße abgeben um den Herzrhythmus  wieder zu normalisieren. Mit meinem Schutzengel über dem Herzen habe ich mich direkt wieder sicherer gefühlt.

 

Nach Abschluss weiterer Untersuchungen hat der Chefarzt mir erklärt, dass ich unter einer unheilbaren dilatativen Kardiomyopathie (DCM) leide. Eine Erweiterung des  Herzmuskels, die nach und nach zur Minderung der Pumpleistung führt. Die lebensnotwendigen Medikamente würden mein Herz eine Zeit lang zwar gut unterstützen, aber im selben Atemzug stelle er die Prognose, dass ich mich in etwa zehn Jahren mit dem Gedanken an ein Spenderherz auseinandersetzen muss.

 

Ok,

das sollte also nun mein Schicksal sein: 

den Weg gehen, den mein Vater bereits Jahre vor mir gegangen ist.

 

Mit Papa als Vorbild vor Augen, habe ich diese Diagnose bzw. Prognose angenommen und akzeptiert. Anstatt mich zu fragen, warum es ausgerechnet mich getroffen hat oder zu verzweifeln, war mir klar, ich werde alles dafür tun "die Sache" zu meistern- genauso wie Papa. Das war ich meiner Familie, meinen Freunden und nicht zuletzt mir selbst schuldig. Es hatten sich alle in den letzten zwei Wochen schon viel zu sehr sorgen müssen, das wollte ich keinem mehr an tun. Zudem wusste ich einfach: das konnte nicht alles gewesen sein. Ich möchte noch viel mehr erleben bevor ich das nächste Mal "oben anklopfe."

 

Erst später habe ich erfahren, dass meine Mutter den Chefarzt kurz vor meiner Entlassung gefragt hat, ob das normal wäre oder ob ich noch in ein tiefes Loch fallen könnte. Seine Antwort war, 'Wenn sie jetzt noch nicht reingefallen ist, wird sie es auch nicht.' - er sollte Recht behalten.

 

November 2008 - kurz vor der Entlassung
November 2008 - kurz vor der Entlassung