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Startschwierigkeiten

Am 5. Tag nach der OP kamen die Schmerzen. Ich wurde bereits von der Intensivstation auf die Chirurgische-Wachstation verlegt und meine Eltern waren zu Besuch. Sie hatten sich noch bis zum nächsten Tag im Hotel einquartiert. Ich habe versucht mich zusammenzureißen, das wollte allerdings nicht so ganz funktionieren. Von Schmerzmitteln war ich nie ein Fan, aber dieses Mal kam ich nicht drumherum. Die Alpträume, die ich dadurch bekam, waren allerdings nicht unbedingt die bessere Alternative. Am nächsten Tag sah die Welt schon wieder anders aus, so dass meine Eltern beruhigt abreisen konnten.

 

Bevor ich wieder in die Klinik für Innere Medizin verlegt worden bin wurde ich um einiges erleichtert. Die Drainagen wurden gezogen und das Kabel vom Defi, welches zur Sicherheit noch aus dem Brustkorb hing, bin ich ebenfalls los geworden. Die nächste Etappe hieß also dann Kardiowach-Station. Zuerst stand meine allererste Biopsie vom Spenderherz an. Normalerweise verläuft diese über die Halsvene. Aufgrund der bekannten Gefäßprobleme wurde sie bei mir, wie ein Herzkatheter, über die Leiste durchgeführt. Es war schon sehr interessant. Ich konnte die Klammern sehen, die meinen Brustkorb jetzt von innen zusammenhalten und als der kleine Greifarm die Proben vom Herzen genommen hat, hat sich das mit schnellen Schlägen gegen den "Eindringling" gewährt. Mir wurde im Vorfeld mitgeteilt, dass diese Reaktion stattfinden kann, so war ich darauf vorbereitet und habe mich nicht erschrocken. Die streichholzkopfgroßen Proben durfte ich auch begutachten bevor sie für den Laborversand präpariert wurden. Anfangs werden in relativ kurzer Zeit mehrere Biopsien gemacht um eine mögliche Abstoßung frühzeitig erkennen zu können. Ein anderes verlässliches Verfahren gibt es derzeit noch nicht. Die Ergebnisse waren alle gut bis sehr gut und ich dementsprechend immer sehr erleichtert.

 

Am nächsten Tag bin ich mit Hilfe eines Rollators die ersten Schritte gelaufen. Es war großartig. Aufgrund der Wassereinlagerungen allerdings auch etwas beschwerlich. Um den Nieren die Arbeit nicht direkt komplett abzunehmen wurde entschieden mit den Dialyse-Behandlungen für einige Zeit zu pausieren. So bestand eher die Chance, dass die Nieren von allein wieder anfingen mit der Entgiftung. Nachts zu schlafen war in der ersten Zeit nicht ganz einfach. Ich durfte nur auf dem Rücken liegen und konnte mich kaum bewegen. Irgendwie war mein Schmerzempfinden auf einmal leider sehr ausgeprägt.

 

Obwohl Anfang Oktober war es unwahrscheinlich warm draußen. Die Sonne schien und jeden Morgen ist ein Eichhörnchen an meinem Fenster vorbeigehüpft. Eine willkommene Abwechslung, auf die ich mich jeden Tag gefreut habe.

 

Dann kam der Tag an dem ich zurück auf meine Heimatstation durfte. Es gab ein großes „Hallo” und wir haben uns alle gefreut. Kurz darauf kam abends eine Schwester in mein Zimmer und teilte mir mit, dass eine Mitpatientin ebenfalls zur  Herztransplantation abberufen worden ist. Ich habe mich sehr gefreut und bin mit gedrückten Daumen eingeschlafen. 

 

Mit meiner lieben Physiotherapeutin und dem Stationsrollator (ich habe ihn Käthe getauft) ging es am nächsten Tag auf meinen Balkon. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen als die Tür aufging, ich den Wind im Gesicht spürte und ganz tief einatmen konnte. Vor lauter Glück liefen mir Tränen über das Gesicht.

 

'Ich habe es geschafft!

Ich werde mit meinem starken Herzen die Klinik bald verlassen

und in ein tolles neues Leben starten.' 

 

Mein Kopf war voller Pläne und ich hätte am liebsten sofort losgelegt, aber leider haben die Nieren immer noch gestreikt. Jeden Morgen hat die Waage mehr angezeigt. Sogar die Reinigungsdame drückte mir täglich die Daumen und war ebenfalls enttäuscht, wenn die Waage weiterhin in die falsche Richtung ging. Jeder Schritt wurde wieder zur Qual, im Liegen schlafen war nicht möglich und die ca. 50 cm vom Bett zum Toilettenstuhl wurden zu einem ungeheuerem Kraftakt.

 

'Toll, jetzt habe ich ein super Herz bekommen und

meine Nieren raffen es einfach nicht.'

 

Trotz Trinkmengenbeschränkung wurde ich immer schwerer und breiter. Es kam der Tag, an dem mir der Stationsarzt mitteilte, dass sich meine Nieren spätestens innerhalb vier bis sechs Wochen nach der OP erholen müssten - sonst wäre ich dauerhaft auf die Dialyse angewiesen.

 

'Wie, dauerhaft? 

Was ist mit meinen Plänen?' 

 

Das wollte ich nicht zulassen. Doch auch wenn ich mich noch so sehr um jeden Tropfen, den meine Nieren produzierten (es waren wirklich nur Tropfen) bemühte, konnte ich leider nichts beeinflussen. Mir wurde ein Shaldon-Katheter (Übergangslösung zur Durchführung von stationären Dialysebehandlungen) gelegt und meine erste Dialyse, die ich wirklich wahrnehmen konnte, stand an. Auf Intensiv wurde ich über einen Zugang im Oberschenkel dialysiert und habe es aufgrund des Halbschlafzustands nicht wirklich gemerkt. Erklärt wurde mir an der Dialyse so gut wie gar nichts. Auf einmal hatte ich 2 Schläuche in der Hand durch die mein Blut floss. 5 Tage jeweils 6 Stunden Dialyse und ich hatte von den 20 kg wieder 15 kg runter.

 

Nach drei Wochen konnte ich mit Käthe, dem Rollator, bis in die Cafeteria gehen bzw. schlurfen, meine Beine im Sitzen wieder übereinander schlagen und die Unterhosen in Gr. XXL wurden entsorgt. Bis auf meinen riesigen Kopf, aufgrund des Kortisons, dem ich auch meinen plötzlichen insulinpflichtigen Diabetes zu verdanken hatte, war ich optisch fast wieder die Alte.

 

Mitte November, ca. vier Monate nachdem ich in der Klinik eingecheckt hatte, durfte ich meine Reha antreten. Meine Mitpatientin hat bereits auf mich in der Rehaklinik gewartet. Vorher wurde mir ein Demers-Katheter gelegt um die Dialysen ambulant durchführen zu können. Bei der Voruntersuchung hat sich herausgestellt, dass ich eine arteriovenöse Fistel zwischen Halsvene/-arterie hatte. Bei einem der vielen ZVKs hat sich wohl jemand etwas 'verstochen'. Somit stand fest, dass nach der Reha der nächste OP-Termin auf mich wartet, aber das war mir erst einmal egal. Los ging es, zur Reha auf den "Königsstuhl". Vorher hieß es jedoch Abschied nehmen, von meiner “Stationsfamilie”, bei der ich mich an dieser Stelle noch einmal aus tiefstem Herzen bedanken möchte. 

 

'Es war - trotz aller gesundheitlicher Umstände - toll bei Euch.'

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